„Viele Parallelen gefunden“ – Gunter & Hassan erzählen über ihre Berufspatenschaft

Hallo und herzlich willkommen. Schön, dass Ihr am Tandem-Programm „Berufspatenschaft offensiv“ teilnehmt und heute über Eure Berufspatenschaft ins Gespräch kommt. Stellt Euch und Euren beruflichen Hintergrund bitte kurz vor.

Hassan: Mein Name ist Hassan Aldaher. Ich komme aus Syrien und bin Computer-Ingenieur von Beruf. Ich habe als Informatiker an der Uni in Homs gearbeitet, und jetzt bin ich in Deutschland und möchte einen Job finden. Mit Hilfe von meinem Berufspaten Gunter Willimsky bin ich auf eine Stelle in Dessau aufmerksam geworden und habe mich beworben, und bald gibt es ein Vorstellungsgespräch.

Gunter: Ich bin Gunter. Ich bin 60 Jahre. Ich bin Informatiker, habe also Informatik studiert wie Hassan und bin seit dem Berufseinstieg vor vielen vielen Jahren in dieser Branche tätig. Es gab auch so ein paar Abzweigungen, wo ich jetzt nicht direkt Informatiker war. Ich war zum Beispiel auch in der öffentlichen Verwaltung und für ein paar Jahre im Personalbereich tätig. Von der Seite war das eine nützliche Kombination, weil ich zum einen zur Informatik was sagen kann und auch dazu, wie läuft denn Bewerbung und so was in der öffentlichen Verwaltung.

Ja, wie bin ich überhaupt dazu gekommen… Nach 2015 kamen viele geflüchtete Menschen nach Deutschland. Mehr oder weniger zufällig habe ich eine alleinerziehende Mutter mit Kind aus Syrien kennengelernt. Ich habe mich dann so erinnert, nicht direkt aber aus den Erzählungen aus der Familie. Meine Großmutter ist damals auch als junge Frau zusammen mit meiner Tante und meinem Vater – mein Vater war damals sieben Jahre vielleicht – sind sie auch zusammen geflüchtet. Das sind irgendwie Parallelen. Ich habe dann die Geschichten aus der schlechten Zeit gehört, so dass sie nicht unbedingt nett aufgenommen wurden hier in Mitteldeutschland. Und da wollte ich sagen, ich bin jetzt hier, habe zwar keine Migrationsgeschichte, aber so etwas Ähnliches und wollte helfen. So kam ich auch zu den Berufspatenschaften, das war für mich folgerichtig: Zuerst mussten die Flüchtlinge Deutsch lernen, um zurechtzukommen in der Gesellschaft hier, und jetzt kommt die Zeit, wo die Sprachkurse alle durch sind und es um Berufsausbildung, studieren oder gleich arbeiten geht. Das ist eine neue Phase und neue Herausforderungen, die jetzt grad anstehen.

Ihr habt Euch im Tandem-Programm „Berufspatenschaft offensiv“ kennengelernt. Wie war der erste Eindruck voneinander?

Hassan: Der erste Eindruck war toll (lacht). Gunter war sehr freundlich.

Gunter: Ich war sehr positiv überrascht, weil ich nicht meine Biografie, aber meine Ausbildung erkannt habe. Hassan hat Informatik studiert, war Abteilungsleiter beim Hochschulrechenzentrum – war ich auch. Und mich hätte das Schicksal auch treffen können und ich hätte woanders hingemusst, wo ich die Sprache nicht kenne. Da wäre ich auch froh gewesen, wenn mir jemand gesagt hätte – komm, bei uns läuft es so und so. Und das merke ich auch, also nicht nur die Sprache, sondern auch die Anerkennung der Berufsabschlüsse – das ist schon eine Herausforderung. Wenn ich mit arabischen Menschen spreche, merke ich, dass sie andere Vorstellungen haben, zum Beispiel zum Bewerben. So ein bisschen kommt mir dabei zu Gute, dass ich auch in der DDR gelebt habe. Da war Vieles mehr organisiert, vorgeschrieben, was jetzt nicht mehr so ist. Jetzt muss man viel Eigeninitiative haben. Ja, ich lerne auch daraus.

Wie oft habt Ihr Euch bereits getroffen?

Gunter: Neben den Veranstaltungen haben wir uns drei Mal getroffen. Erstmal war das Kennenlernen oder was machen wir jetzt überhaupt, und dann haben wir die Bewerbung fertig gemacht für Dessau und haben nochmal Bewerbungsgespräche geübt und waren sogar ein Sakko kaufen (beide lachen).

Welche Themen noch habt Ihr in Euren Treffen besprochen?

Hassan: Beim Üben des Vorstellungsgespräches habe ich verschiedene Fragen an Gunter gestellt.

Welche Erfolgserlebnisse konntet Ihr bereits wahrnehmen oder feststellen in der Berufspatenschaft? Welche kleinen Ziele wurden erreichen?

Hassan: Ich habe mich sehr gefreut, dass ich zum Vorstellungsgespräch nach Dessau eingeladen wurde.

Gunter: Selbst, wenn das jetzt nicht zu einer Einstellung kommt, da darf man sich nicht so dran klammern, man muss sich weiter bewerben, schon parallel. Ich habe Hassan ein paar Stellenausschreibungen mitgebracht und habe gesagt: egal, ob das Gespräch jetzt kommt oder nicht, trotzdem da bewerben. Wenn man nachher zwei Zusagen hat, kann man aussuchen. Aber es ist schon ein Erfolgserlebnis, dass sie sagen: ok, kommen Sie mal her, wir machen mal ein Gespräch.

Hassan: Allein habe ich mich um drei Stellen beworben, aber hatte nur negative Rückmeldungen.

Welche Herausforderungen habt Ihr in der Berufspatenschaft gemeinsam gemeistert?

Gunter: Na, vielleicht alles zusammenstellen, ist ja auch eine Herausforderung. Und zum Beispiel Online-Bewerbungen scheinen jetzt auch aktuell zu sein, und ich habe mich nie online beworben. Ich lerne dann auch dazu.

Was bedeutet für Euch die Berufspatenschaft und welche Erwartungen habt Ihr an die Berufspatenschaft?

Gunter:  Ein Nebeneffekt der Berufspatenschaft ist, dass ich am Rande auch ein bisschen Arabisch lernen kann und eben was erfahre über die Menschen, über das Land und die Kultur.

Hassan: Im Rahmen der Berufspatenschaft bekommt man eine tolle Unterstützung bei der beruflichen Orientierung. Ich wünsche mir, dass es am Ende mit dem Job klappt.

Die letzte Frage: Was habt Ihr voneinander gelernt?

Gunter: Ich habe erfahren, wie die Informatik-Arbeit in Syrien an der Hochschule funktioniert und ein bisschen eine Parallele gefunden – ich war an der Hochschule in Köthen im Rechenzentrum, und da kam mir Vieles ähnlich vor. Und vielleicht das Thema „Integration in den Arbeitsprozess“. In Deutschland ist es sehr schwer für Leute, die nicht aus der EU kommen, in den Arbeitsprozess zu kommen. Bei einer Vorstellungsrunde im Tandem-Programm war ich leicht entsetzt, welche Abschlüsse die arabischen Menschen hatten und was sie jetzt machen: Ingenieur muss kellnern und eine Lehrerin ist froh, wenn sie im Kindergarten arbeiten kann und solche Sachen. Das ist für Deutschland viel verschenktes Potenzial.

Hassan: Ich habe von meinem Berufspaten gelernt, wie man ein gutes Vorstellungsgespräch führen kann. Wir haben auch über die wichtigsten Punkte im Vorstellungsgespräch gesprochen, auch darüber wie man eine Bewerbung richtig schreibt. Das sind sehr wichtige Themen.