Viele Pünktchen – eine Geschichte

Inklusives Vorlesen begeistert Kinder

3. April 2018

Als die Freiwilligen-Agentur im Juni 2017 den „Jürgen-Remboldt-Inklusionspreis“ gewonnen und feierlich in Berlin überreicht bekommen hat, war es erst eine Idee: Mit Kindern über das Vorlesen zum Thema Behinderung ins Gespräch kommen. In der zweiten Jahreshälfte haben wir dann mit Ehrenamtlichen, die eine Behinderung haben, Pläne geschmiedet und Ideen entwickelt, wie und wo inklusive Vorleseaktionen gestaltet werden können. Sehr hilfreich war ein Workshop mit Godela Hein, die seit vielen Jahren selbst Vorleserin in unserem Projekt Lesewelt Halle ist, die Vorlesepaten betreut und mit Tipps und vielen praktischen Erfahrungen so richtig Lust auf diese Aktionen gemacht hat.

Vorlesen AnnettDann ging es los: Annett Melzer, die selbst einen Rollstuhl nutzt, hat in einem Kindergarten vorgelesen, unterstützt von einer Bewohnerin einer Behinderteneinrichtung und will demnächst mit den Kindern ganz praktisch ausprobieren, wie es ist, sich im Rollstuhl fortzubewegen. Sie sagt: „Ich würde auch anderen eine solche inklusive Vorleseaktion empfehlen, weil die Kinder so offen und ehrlich sind, ohne Vorurteile und Ängste. Es macht super viel Freude mit Kindern zu arbeiten zum Thema Inklusion. Es kommt viel Herzlichkeit zurück.“

Steffi Merl hat Kindergartenkindern in Gebärdensprache „Rotkäppchen“ vorgelesen – natürlich mit Hilfe einer Gebärdensprachdolmetscherin. Die Kinder haben nicht schlecht gestaunt, dass man sich auch ganz ohne gesprochene Worte verständigen kann und selbst gleich ein paar Gebärden ausbrobiert.

Als Dritte fieberte Nadine Wettstein ihrer Aktion entgegen, die inzwischen schon mehrfach wiederholt wurde. Nadine ist seit ihrem 18. Lebensjahr blind und hat die Geschichte vom „Löwen, der nicht schreiben konnte“ mit vielen Mitmachmöglichkeiten für die Kinder in Brailleschrift vorgelesen. Sie hat über ihre Aktionen einen kleinen Bericht geschrieben, bei dem man richtig eintauchen kann:

Viele Pünktchen – eine Geschichte

„A wie Anfang … sagt die Löwin zum Löwen und der Löwe schreibt ein großes dickes A in sein Schreibheft.“ So endet die Geschichte vom Löwen, der nicht schreiben konnte und die Geschichte der Inklusionsbotschafterin Nadine Wettstein, die anders schreibt und liest als die Schüler, die vor ihr sitzen, beginnt.

Seit diesem Jahr ist Nadine Wettstein als Vorlesepatin der Freiwilligen-Agentur Halle-Saalkreis e.V. unterwegs. Drei Grundschulklassen haben schon gespannt gelauscht, während sie aus dem Buch mit Brailleschrift vorlas. Wenn Nadine Wettstein in die Klassen kommt, sollen die Schüler aber nicht nur stillsitzen und zuhören, sondern sie sind aufgefordert, aktiv mitzumachen und zu erfahren, wie blinde Menschen lesen, lernen, leben.

So ertasten alle mit Begeisterung die wunderschön gestalteten taktilen Abbildungen im Buch und brüllen mit ihr wie der Löwe. Die Geräusche bzw. die verbale Kommunikation ist wichtig, denn Nadine Wettstein ist blind. Deshalb müssen sie sich auch nicht melden, wenn sie Fragen haben, und sie haben Fragen: Wie funktioniert die Brailleschrift, woher wissen blinde Menschen, welche Farbe ihre Kleidung hat, wie findet man den richtigen Weg und noch vieles mehr; und eine Frage kommt mit Sicherheit auch immer: Dürfen wir Lisa, den Blindenführhund streicheln? Ja, sie dürfen Lisa streicheln, aber nicht, bevor sie erfahren haben, was so ein Blindenführhund alles kann und welche Konzentration er dafür aufbringen muss, weshalb man einen Blindenführhund bei der Arbeit auch nicht ablenken darf. Wenn Nadine Wettstein mit Lisa dann anschließend über den Schulhof läuft, hört sie „Das ist Lisa, nicht streicheln. Sie muss sich konzentrieren.“

Von Nadine Wettstein

Wir danken unseren inklusiven Vorleserinnen und Helferinnen ganz herzlich für ihren Einsatz!

Und wir danken natürlich unseren Vorleserinnen und Vorlesern, die z.T. seit vielen Jahren einmal wöchentlich Kindern vorlesen, ebenfalls von ganzem Herzen. Auch zu einer solchen Vorleseaktion, wie sie tagtäglich in Halle stattfinden, gibt es eine wunderschöne Geschichte von Godela Hein:

Vom Hobby zum Ehrenamt

Lesemarathon 201_13Was ist das für eine buntgemischte Truppe von 3- bis 6-Jährigen, die sich jeden Donnerstag gegen halb zehn Uhr in der Kita zusammenfindet? Leuchtende Augen, kleine Plappermäulchen, mühsam stillsitzende Zappel-Phillip fragen: „Was hast du uns heute für eine Überraschung mitgebracht?“ Keine Süßigkeiten, keine materiellen Dinge sind gefragt, keine Computerspiele. Nein, der Wunsch, gemeinsam in die Wunderwelt der Märchen und Geschichten einzutauchen, führt uns zusammen.

Wenige Wochen nur und ich war als „Lese-Oma“ adoptiert. Ob neue Zahnspange, ob Urlaubspläne, ob Streit mit der Freundin oder anderer kleiner Kummer – zuerst wird vertraulicher Austausch gepflegt, wie das in einer großen Familie so ist. Und dann geht’s richtig los: Abtauchen in die Fülle der Märchen und Geschichten. Was gibt es so ganz nebenbei zu lernen und zu erfahren: Was macht ein Schneider eigentlich, warum heißt das „Schneidersitz“? Also gleich alle mal ausprobieren! Welche Arbeit macht ein Müller, wozu gab´s ein Spinnrad, wie geht das mit der Wolke Wuschel und dem Wasserkreislauf? Fragen über Fragen – Geschichten über Geschichten, welche Freude schon bei der Auswahl der Bücher, da kommen die Erinnerungen an eigene Leseerfahrungen, an Lesestunden mit den Kindern und Enkeln – ein Weitergeben von Poesie, Zauber, Fantasie.

Und als ein kleiner Junge dann sagt, als ich ein eigenes Buch aus der Tasche ziehe: „Jetzt weiß ich, warum das Buch nicht in der Bibliothek war, als ich es mit meiner Mama ausborgen wollte! Du hast es immer noch!“ Dann weiß ich, der Funke ist übergesprungen. Das Lesen geht auch in der nächsten Generation weiter! Das macht mich einfach glücklich.

Das ist auch der Grund, warum ich versuche, viele andere Ehrenamtliche für das Vorlesen in Kitas und Horten zu begeistern, zu beraten und zu vermitteln.

Man braucht dazu außer Zeit nur zwei Voraussetzungen: Liebe zu Kindern und Liebe zu Büchern. Wir machen uns selber die Freude, die meist wunderschöne Kinderliteratur neu zu entdecken. Wir schenken den Kindern Zeit, Zuwendung und einen Schatz an Wissenszuwachs für ihr weiteres Leben.

Wie sagt man heute so schön? Eine typische Win-Win-Situation!

Von Godela Hein, Vorlesepatin

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